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"Die Kunst des Schreibens ist die Kunst des Streichens"

Ein Interview mit der Schriftstellerin Ulla Hahn

Ulla Hahn Interview: Anette Koppelberg
Foto: Markus Koppelberg

Frau Dr. Ulla Hahn- 1946 in Brachthausen im Sauerland geboren- schreibt Lyrik und Romane. Sie ist eine der erfolgreichsten und produktivsten Lyrikerinnen der deutschen Gegenwartsliteratur und wurde mehrfach ausgezeichnet. Für ihren Roman "Das verborgene Wort" (2001) erhielt sie den deutschen Bücherpreis. 2009 folgte "Aufbruch", der zweite Teil des Epos. Zuletzt bekam sie im Januar 2010 den Verdienstorden des Landes Nordrhein- Westfalen verliehen. Ulla Hahn wuchs in Monheim am Rhein auf und lebt heute mit ihrem Ehemann Klaus von Dohnanyi -dem früheren Bürgermeister der Hansestadt- in Hamburg.

TextArt: Frau Dr. Hahn, wir haben viele Leser, die lernen möchten, bessere Gedichte zu schreiben. Haben Sie spezielle Tipps?

Ulla Hahn: Erst einmal fließen lassen, hinschreiben, die Zensur im Kopf, die Schere im Kopf vollkommen ausschalten. Dann aber kritisch mit sich selber umgehen. Immer wieder und immer wieder neue Fassungen erstellen. Die Kunst des Schreibens ist die Kunst des Streichens. Das Gedicht herausmeißeln aus dem Wörterblock. Wie ein Steinmetz, der die Skulptur aus dem Stein holt. Jedenfalls ist das meine Arbeitsweise. Ich kenne auch Kollegen, die gehen...gehen... gehen und schreiben dann das Gedicht auf. Endgültig. Es gibt im Grunde genommen kein Rezept. Ich wähle die etwas umständlichere Methode. Auf jeden Fall sollte man keine Angst vor dem Papierkorb haben.

TextArt: Gilt das auch für das Schreiben von Romanen?

Ulla Hahn: Auch. Unbedingt. Die erste Fassung ist nur wichtig als Material. Gut, dass etwas zum Bearbeiten dasteht, aber dann fängt die Textarbeit eigentlich erst an.

TextArt: Sie haben sehr viele Lyrikbände geschrieben und auch einige Romane. Was liegt Ihnen mehr? Romane zu schreiben oder Gedichte? Oder kann man das so nicht sagen?

Ulla Hahn: Das hat nichts mit Vorlieben zu tun. Es gibt Stoffe, die sind so komplex, das sie sich der Lyrik entziehen, die Form des Gedichts sprengen würden. Es gibt ja den Begriff des Erzählgedichts. Im 19. Jh. kannte man das Versepos, gereimte Romane, eine heute ausgestorbene Form. Vielleicht erlebt es in Rap und Hip Hop ein Revival. Erst nachdem ich begonnen habe Prosa zu schreiben, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, dass ich in vielen Gedichten schon immer gern erzählt habe. Zum Beispiel finden Sie Motive aus dem Roman "Das verborgene Wort" auch schon in meinen vorangegangenen Gedichtbänden. Andererseits gibt es in meiner Prosa immer wieder durchaus lyrische Passagen und - auch das ist wohl meinen Anfängen als Lyrikerin gedankt - einen sehr bewussten Umgang mit Sprache.

TextArt: Haben Sie bestimmte Schreibzeiten? Eine feste Zeit, in der Sie sich hinsetzen, um zu schreiben oder schreiben Sie einfach zwischendurch?

Ulla Hahn: Meine Schreibzeit ist eigentlich jederzeit. Als ich zu schreiben anfing habe ich meine ersten Gedichte Erich Fried gezeigt. Er gab mir damals den Rat: "Schreib sofort alles auf, wenn es Dir einfällt. Glaube nicht, dass, wenn Du Dich abends an den Schreibtisch setzt, sich die guten Ideen, Bilder, Formulierungen wieder einstellen."

Den Rat beherzige ich bis heute. Ich gehe nicht aus dem Haus ohne Block oder zumindest einem Zettel in der Hosentasche. Einfälle sofort notieren: das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen wie Zähneputzen. Ich habe das schon mal in einem Interview gesagt und da kam der Journalist ein paar Tage später und sagte: "Ha, das stimmt ja wirklich, was Sie da gesagt haben. Ich habe Sie im Konzert gesehen und Sie haben den Zettel aus der Tasche gezogen." Ich kann den Rat Erich Frieds voller Überzeugung weitergeben: Jeden Einfall gleich und sogleich ernst nehmen. Ob und was daraus wird, kann sich dann später am Schreibtisch entscheiden.

TextArt: Schreiben Sie immer erst aufs Papier oder direkt auf den Laptop?

Ulla Hahn: Zuerst auf Papier. Manchmal, wenn ich Dinge nicht so ganz ernst nehme, schreibe ich auch schon mal gleich in den Laptop. Korrigiert wird immer am Laptop. Allerdings drucke ich mir sämtliche Fassungen aus, gelesen wird jede Fassung auf dem Papier. Ich kann nur jeden davor warnen, am Laptop zu lesen, denn das verführt zur Flüchtigkeit. Auf dem Papier ist man gewissenhafter.

TextArt: Ich habe mal gelesen, dass der Name Ihrer Romanfigur "Hilla Palm" mit der Lyrikerin Hilde Domin zusammenhängt.

Ulla Hahn: Ich weiß gar nicht mehr, wer es war. Irgendjemand hat irgendwann gesagt: "Das hat ja wohl was mit der Hilde Domin zu tun." Ich habe da überhaupt nicht dran gedacht. "Palm" ist ja ein urkölscher Name und ich brauchte einen Namen, den man nicht "richtig" aussprechen kann. So wie Ursula -mein wirklicher Mädchenname- und das ist Hildegard ja auch. Ein Kölscher sagt nicht "Hildegard", der sagt "Heldejaat". Ich habe dann Hilde Domin gleich angerufen: "Hör mal, ich hab da Deinen Namen für meine Romanfigur verwendet. Ist das o.k.?" "Ja, ja", sagte sie. "Kommt sie denn gut weg?" Und ich sagte: "Natürlich kommt sie gut weg."

TextArt: Das hört sich danach an, dass Sie befreundet waren?

Ulla Hahn: Ja, das waren wir. Zu ihrem Geburtstag im Kölner Rathaus habe ich ihr eine Rede gehalten und die Laudatio zum Hölderlinpreis. Wir haben uns häufig getroffen und zum Geburtstag habe ich ihr immer wieder in der FAZ gratuliert. Auf meinem Nachtisch steht ein hölzernes Kamel. Da hat sie mir einmal geschenkt: "Für deinen Ritt durch die Wüste."

... [Aus Lizenzgründen ist das Interview vorerst nur als Auszug zu lesen.]

Aktuell:

Ulla Hahn: Aufbruch, Deutsche Verlags- Anstalt, 587 S. EUR 24,95