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"Alles Wahre kommt immer gut."

Ein Interview mit der Schriftsteller Wladimir Kaminer

Wladimir Kaminer Interview: Anette Koppelberg
Foto: Markus Koppelberg

Wladimir Kaminer kann man ohne Übertreibung als kreatives Multitalent bezeichnen. Er ist Bestsellerautor, DJ (er organisiert im Berliner Kaffee Burger und anderswo regelmäßig die "Russendisko"), ausgebildeter Toningenieur für Theater und Rundfunk. Weiterhin hat er in Moskau, wo er auch 1967 geboren wurde, Dramaturgie studiert.

Regelmäßig veröffentlicht er Texte in unterschiedlichen deutschen Zeitungen und Zeitschriften, hat eine eigene Radiosendung (Wladimirs Welt) beim SFB4 Radio MultiKulti und war mal Clubbesitzer. Kaminer lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin.

TextArt: Herr Kaminer, Sie wurden damals in Berlin mit Ihren Kurzgeschichten auf einer Lesebühne im Kaffee Burger entdeckt. War das so eine Art Poetry Slam?

Wladimir Kaminer: Die Lesebühne gibt es noch immer. Sie heißt `Reformbühne Heim & Welt´. Es ist keine Art Poetry Slam, der dort stattfindet, sondern es ist schon etwas ernster. Eher eine Art `mündliche Zeitung´. Die meisten Bühnen gehen in die kabarettistische Richtung. Sie jagen die Lacher, um zu gefallen. Da war unsere Bühne anders. Der harte Kern bestand aus sechs bis acht Autoren. Ein paar von ihnen sind auch Papierschriftsteller wie ich geworden. Damals, als mein erstes Buch gedruckt wurde, habe ich sofort eine Anthologie mit den anderen Autoren gemacht. Ich habe in unsere Runde gefragt: "Wer will Champagner und Kaviar? Der soll jetzt sofort mitmachen." Es haben nicht alle mitgemacht. Die, die mitgemacht haben, haben zu neunzig Prozent tatsächlich erreicht, was sie haben wollten. Die anderen wollten das nicht. Es waren sehr unterschiedliche Leute. Man durfte sich nicht wiederholen, egal wie gut man war. Manchmal haben wir Autoren das Publikum rausgeschmissen, manchmal das Publikum uns.

TextArt: Als Sie entdeckt worden sind, haben Sie an die anderen Autoren der Lesebühne mitgedacht. Sie haben ein Buch herausgegeben, damit alle anderen mitveröffentlicht werden. Das finde ich sehr sympathisch.

Wladimir Kaminer: Solidarität ist für mich die Grundlage der menschlichen Existenz. Die Menschen sollen einander nicht treffen, sondern einander helfen.

TextArt: Was war das für ein Gefühl, als Sie das erste Mal ihr eigenes Buch in der Hand hielten? Als das erste eigene Buch gedruckt war?

Wladimir Kaminer: Für mich war von Anfang an klar, dass die Bücher nur eine sekundäre Erscheinung meines Schaffens sind.

TextArt: Könnten Sie sagen, wie hoch der Wahrheitsgehalt der Kurzgeschichten ist?

Wladimir Kaminer: Sehr hoch. Ich glaube nicht, dass Menschen überhaupt imstande sind, sich was auszudenken. Von wo soll dieses Ausgedachte kommen? Von welchem Planeten? Wir haben doch nur diese eine Welt. Ich kann das Ausgedachte nicht erkennen. All diese phantastischen Wesen hatten und haben doch ihre Ursache im menschlichen Handeln. Nehmen Sie Fantasy, nehmen Sie Tolkien zum Beispiel oder Alice im Wunderland. Das ist doch alles ein Abdruck der Gesellschaft, in der der Autor verkehrte. Was kann es auch anderes sein?

TextArt: Sie haben früher lange im Theater gearbeitet. Ist das ein Bereich, der Sie auch literarisch interessiert? Hätten Sie Lust, Theaterstücke zu schreiben?

Wladimir Kaminer: Theater in der Sowjetunion war das wahrhaftigste, das ehrlichste. Eine andere Welt. Wo das Leben doch so verlogen und so eintönig war, war die Welt des Theaters die Alternative. Dort waren die klügsten Menschen, die schönsten Frauen, die interessantesten Geschichten. Das war aber nur in einer Diktatur so. In einer freien Gesellschaft, so wie wir sie hier heute haben, ist Theater das Gegenteil: der Hort, wo sich Egozentriker austoben. Gut, dass es ihn gibt und dass man nicht hingehen muss.

TextArt: Wenn Sie schreiben, schreiben Sie dann direkt auf den Laptop? Oder schreiben Sie auf Zettel? Haben Sie immer ein Notizbuch dabei?

Wladimir Kaminer: Alles. Ich habe Zettel, ich habe Notizbücher, einen Laptop. Manchmal habe ich gar nichts. Dann vergesse ich eben, was ich schreiben wollte (lacht).

TextArt: Wann kommen Ihnen die besten Ideen?

Wladimir Kaminer: In der Form, wie ich arbeite, kann man die Ideen nicht in gute und schlechte Ideen unterteilen. Das sind doch Forschungsergebnisse. Die können nicht gut oder schlecht sein. Ich schreibe in der letzten Zeit wieder viel über die Schule, über diese Schulprozesse. Meine Kinder bringen aus ihrer Schule sehr oft interessante Geschichten mit. Ich habe das Englischbuch meiner Tochter durchgelesen und habe das mit unseren ethischen Grundsätzen von damals verglichen. Das ist ein sehr lustiges Thema. Darüber kann man wahrscheinlich unzählige Kurzgeschichten schreiben. Ob das aber die besseren sind als zum Beispiel meine Forschungen über das Leben, kann ich nicht urteilen. Welche Lesung ist besser geeignet? Lesungen mit Geschichten, auf denen Menschen sehr viel und ausgiebig lachen, und dann ist man sehr schnell vergessen oder auf denen sie nicht lachen und die Menschen dann denken: "Wow, das hat mich jetzt weitergebracht!"? Beides wahrscheinlich.

TextArt: Schreiben Sie manchmal Kurzgeschichten auf russisch?

Wladimir Kaminer: Ich schreibe keine Kurzgeschichten auf russisch. Ich habe hier kein Publikum, das Geschichten auf russisch liest.

TextArt: Machen Sie gerne Lesungen?

Wladimir Kaminer: Das ist der Hauptgrund meiner Arbeit. Meine Lesungen muss man sich nicht so vorstellen, dass ich da sitze und lese, sondern das ist ein Austausch. Ich mache das schon sehr lange und ich habe noch immer Spaß. Wie ein Schwamm sauge ich die Geschichten ein, die mir erzählt werden, die ich sehe, die ich erlebe. Und die würde ich nicht sehen und erleben oder fördern, wenn ich nicht verreise. Lesungen sind somit der Hauptgrund meines Schaffens geblieben. Ich komme übrigens gerade von einer Lesung in Suhl, wo vor ein paar Monaten noch meine Frau mit einer Lesung war. Sie hat ein Buch über Katzen geschrieben und hat eine Einladung aus Suhl bekommen. Sie bekommt -anders als ich- sehr wenig Einladungen zu Lesungen. Fuhr also meine Frau nach Suhl, um dort über Katzen vorzulesen, dann fuhr ich jetzt nach Suhl um dort von meiner Frau vorzulesen. Als nächstes müssen die Katzen nach Suhl kommen, glaube ich, um über die Mäuse vorzulesen.

TextArt: Ihre Frau schreibt auch? Geben Sie sich gegenseitig zuerst Ihre Texte, wenn Sie was geschrieben haben?

Wladimir Kaminer: Meine Frau hat jetzt ein Buch über russische Frauen geschrieben und dieses Buch hat nur Ablehnungen bekommen von Verlagen. `Zu ernst´ haben sie gesagt. Das ist zu schwere Kost. Dabei ist jeder bisher, der es gelesen hat, begeistert. Gut, es sind nicht nur lustige Geschichten aus dem Leben, sondern auch tatsächliche historische Hintergründe, wie es zu diesem Charakter der russischen Frau kam, den meine Frau beschreibt. Jetzt ist meine Frau sauer auf den deutschen Literaturbetrieb.

TextArt: Beraten Sie sich gegenseitig, was Ihre Texte angeht?

Wladimir Kaminer: Wir sind dazu zu verschieden, glaube ich.

TextArt: Haben Sie einen unterschiedlichen Schreibstil?

Wladimir Kaminer: Ich glaube, nein. Was den Schreibstil betrifft, sind wir -glaube ich- gar nicht so unterschiedlich. Ich habe zum Beispiel überhaupt keinen Schreibstil. Ich möchte das Leben festhalten und das geht durch den Bauch. Das Leben verändert einen, wird durch einen verändert. Stil ist etwas jenseits der Menschen.

TextArt: Wenn Sie sagen, dass Sie keinen speziellen Schreibstil in dem Sinne haben, heißt das, dass Sie auch keine festen Schreibzeiten haben?

Wladimir Kaminer: Oh, da bin ich vielleicht der falsche Gesprächspartner. Ich habe nämlich überhaupt keine feste Zeiten.

TextArt: Schreiben Sie schon mal nachts oder unterwegs?

Wladimir Kaminer: Unterwegs geht das sehr gut. Der Zug ist perfekt zum schreiben, weil man dort kaum Ablenkungen hat. Nicht mal Internet, weil Internet doch im Zug sehr schlecht funktioniert. Das ist eine Quälerei, Internet im Zug zu nutzen. Ich schreibe gerne im Zug, aber es geht ja nicht darum wo und wie, sondern was. Man hat nicht immer etwas aufzuschreiben. Diese Woche habe ich zum Beispiel nur gelesen. Ich bin schon so lange auf dieser Lesereise. Für mich ist dieses Gefühl des Reisens nicht mehr vorhanden. Ich habe dann ein ruhigeres Leben als zuhause. Ansonsten tue ich das, was alle Menschen tun. Ich sitze, stehe, gehe oder liege, lese oder schreibe.

TextArt: Herr Kaminer, Sie haben zwei Kinder. Haben Ihre Kinder auch schon Interesse, Geschichten zu schreiben?

Wladimir Kaminer: Hatten sie früher. Sie haben sogar schon Geschichten geschrieben und schreiben noch hin und wieder, aber sie haben Interesse für verschiedene Dinge. Ich habe jetzt auf einem alten Video gesehen, auf dem sie noch sehr klein waren, wie ich blöde Fragen stelle, die sie dann beantworten müssen. Da war Sebastian vielleicht vier und Nicole sechs. Ich fragte: "Was wollt ihr werden?" Sebastian sagte, er wolle Ritter werden und Schriftsteller. Wie wir alle. Das geht ja nicht zusammen.

TextArt: Was wollten Sie früher werden als Kind?

Wladimir Kaminer: Ernsthaft wollte ich nie jemand werden. Ich habe mich immer geweigert jemand zu werden. Ich wollte nur sein, so wie ich bin, wollte frei sein.

TextArt: Haben Sie sich in Ihrer Jugend auch schon für Bücher interessiert?

Wladimir Kaminer: Viel mehr, viel mehr. Heute lese ich fast nur wissenschaftliche Literatur. Ich lese kaum Belletristik. Sehr selten.

TextArt: Weil Sie nicht dazu kommen oder weil es Sie nicht sonderlich interessiert?

Wladimir Kaminer: Ich mag nicht die Lebensposition eines Künstlers, der sich hervorhebt über die Welt in der Rolle eines Schöpfers, quasi den Wettbewerb aufnimmt mit Gott und der ganzen Menschheit. Und dann auf Freund und Feind aufteilt: auf diejenigen, die Augen haben um sein Genie zu erkennen und die anderen, die nicht in der Lage sind, es zu tun. Es gab immer wieder Philosophen, die ihre philosophischen Theorien in literarischer Form weitergaben wie Sartre. Es gab umgekehrt Künstler, die sehr philosophische Werke haben, wie Joyce.

TextArt: Haben Sie für unsere Leser, die auf dem Weg sind, Schriftsteller zu werden, Tipps? Dinge, die sie vielleicht beachten sollten? Irgendwelche praktischen Ideen?

Wladimir Kaminer: Sie müssen für sich selbst schreiben. Aus dem Bauch heraus. Nur das, was sie tatsächlich interessiert. Sehr viele machen den Fehler irgendeinen Stil zu entwickeln oder irgendeinen Trick oder irgendeine Lustigkeit. Etwas, worüber sie denken: das wird die Menschen doch besonders neugierig machen oder Spannung in die Sache bringen oder diese Sache besonders lustig machen. Aber das sehen nur sie selbst, die anderen sehen das nicht und sie wollen diesen Stil nicht. Alles Ausgedachte ist Stimmungssache, alles Wahre kommt immer gut. Es ist wichtig, ein Thema zu geben. Ein Thema, das einen wirklich mitreißt. Dass man sein Thema aussprechen, festhalten, beschreiben kann. Das ist alles.

Aktuell:

Wladimir Kaminer: Meine russischen Nachbarn. Manhattan, München 2009; ISBN 978-3442545766, 224 Seiten, Euro 19,95

Wladimir Kaminer: Meine kaukasische Schwiegermutter. Manhattan, München 2010; ISBN 978-3-442-54656-5, 224 Seiten, Euro 17,99

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